Peter Nennstiel

Zeitzeuge der Nachkriegsjahre

 

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In Stralsund begann die schikanöse Einklarierung des Schiffes und der Besatzung auf ein neues. Leider waren die Grenzpolizisten meine eigenen Landsleute. Am schlimmsten waren die weibliche Mitglieder der Grenztruppe. Wir nannten sie die "Flintenweiber". Die Kontrollen in der DDR waren die schlimmsten im ganzen Ostblock. Wir Deutschen machen eben alles überkorrekt.        
Wir haben dann in Wismar Kunstdünger für Haifa (Israel) geladen. Für Israel bekam die ganze Besatzung einen Ersatz Reisepass. Israelische Visa und Stempel in Reisedokumente hatten damals in vielen arabischen Ländern die sofortige Ausweisung zur Folge.     
Auf Grund des anerzogenen Schuldkomplex hatte ich als Deutscher ein etwas mulmiges Gefühl beim Landgang in Haifa. Völlig unbegründet, selten habe ich soviel Gastfreundschaft erlebt. Meines Erachtens ist die edelste Geste gegenüber denen die umgekommen sind, die Erinnerung an sie zu bewahren, aus ihren Leiden zu lernen und sie dann in Frieden ruhen zu lassen.
Israel war und ist wohl noch, eines der wenigen Länder in dem multikulturell noch funktioniert.
Am zweiten Tag unseres Aufenthalts näherte sich ein ägyptisches Kanonenboot und begann die Stadt Haifa zu beschießen. Es wurde schlecht gezielt die Einschläge lagen hoch über der Stadt im bewaldeten Karmel Gebirge.
Im Hafen lagen nur die "Levante" und ein israelischer Hafenschlepper. Wir beobachteten wie in Windeseile eine Oerlikon Schnellfeuerkanone auf dem Schlepper verschweißt wurde. Israelische Marine Soldaten liefen an Bord und fuhren volle Kraft voraus auf das Kanonenboot zu.                  

 Oerlikon Schnellfeuer Kanone

Ohne Zick Zack Kurse hielten sie direkt auf den Ägypter zu. In Reichweite ihrer Kanone schossen sie mit Leuchtspurmunition die Brücke und die Ruderanlage in Stücke. Kurze Zeit später schleppten sie das Kanonenboot an uns vorbei in den Hafen. Haufenweise standen barfüßige und zerlumpte Marinesoldaten an Deck. Diese mutige Tat hat meinen Respekt für Israel und sein Militär noch erhöht. Es wurde nicht groß diskutiert oder geredet, einer gab den Befehl und es wurde gehandelt. Der Erfolg hatte ihnen Recht gegeben. Im wahrsten Sinne des Wortes: David gegen Goliatht. Monate später brach dann der sechs Tage Krieg aus, aber davon später mehr.Erst mal liefen wir von Haifa aus mit Kurs auf Genua. Dort wurden wir mit einer kompletten Anlage für eine Erdölborstelle beladen. Empfänger war die "Agip" ein italienischer Mineralölkonzern. Unsere Reise ging durch den Suez Kanal  und das Rote Meer nach Aden (Jemen) dort wurden unsere Treiböltanks gefüllt (gebunkert). Weiter ging es durch die Straße von Hormus in den Persischen Golf und in den Shat el Arab bis Khorramsha. Die Iranischen Häfen waren mir von Kollegen als wenig verlockend geschildert worden. Hitze von über 40° und es sollte noch nicht einmal Bier zu trinken geben. Khorramsha war zu der Zeit wirklich ein Kaff, einige Wellblechhütten und eine Holzpier für ca. 2 bis 3 Schiffe. Klimaanlagen gab es zu der Zeit auch noch nicht.Ich war froh als wir nach drei Wochen unsere Ladung gelöscht hatten und wieder Auslaufen konnten.

Nach einigen Tagen bemerkten wir einen blinden Passagier an Bord. Es war ein riesiger hellbrauner Kater.Ein Auge fehlte, ebenso ein halbes Ohr und sein Schwanz war bis auf einem kurzem Stummel abgebissen. Wer weiß auf wie vielen Schiffen er schon zu Gast war.

Wir gaben ihm den alten persischen Schah Namen "Abbas". Lange Jahre ist er an Bord geblieben.

Abbas ist nie richtig zahm geworden. Für uns war er beim Angeln eine große Hilfe. Wenn wir exotische Fische an Bord zogen, sprang er sofort auf sie los. Bei den giftigen Fischen (Kugelfisch, Seeschlangen, Steinfisch) blieb er abwartend stehen. Wir wußten dann, die sind giftig und für den Verzehr nicht geeignet. Die nächste Reise ging dann von Berbera (British Somalia) nach Jeddah (Saudi Arabien.)

Unsere Ladung bestand aus Schafen, Ziegen, Rindern und Kamelen. Die armen Tiere wurden an Land in große Netze getrieben und mit unseren Ladebäumen und Winden an Deck ausgeschüttet. Gott sei Dank war es nur eine kurze Reise, einmal quer über das Rote Meer. Wir brauchten nur 24 Stunden. Währen der ganzen Zeit war das Schiff in eine heiße stinkende Wolke gehüllt. Bei unserer Ankunft in Jeddah waren 10% der Tiere gestorben. Eine ganz normale Rate, wurde uns vom Schiffsmakler versichert. Die Kadaver wurden von arabischen Hafenarbeitern einfach in das Hafenbecken geworfen. Dort wimmelte es schon von Haien, die in kurzer Zeit die Kadaver entsorgten.  Endlich kam die Order zur Heimreise.

Beim Einlaufen in den Suezkanal wurden wir schon gewarnt, daß ein Krieg zwischen Israel und Ägypten wahrscheinlich wäre. Am 05. Juni 1967 wurden durch den 6 Tage Krieg 14 Schiffe aus 8 Nationen im "Großen Bittersee" des Suezkanals eingeschlossen. Damals befanden wir uns auf der Reise nach Europa und fuhren, wie es im Suez Kanal üblich ist im Konvoi. Während der südgehende Gegenkonvoi von Port Said kommend, noch nach Ausbruch der Feindseligkeiten ungehindert den Kanal passieren konnte, wurde unser nach Norden gehende Konvoi in der Weiche "Großer Bittersee" gestoppt. Nach einem Tag Aufenthalt, waren wir der letzte Konvoi der noch bis Port Said fahren durfte.

 

In meiner zweiten Heimat angekommen, machte ich erst mal Urlaub. 

In Vlaardingen, einem Vorort von Rotterdam lernte ich meine spätere erste Ehefrau kennen.

Wir waren beide noch sehr jung und sehr verliebt.

Cokky war erst 18 und ich 24. Es war ein richtig gut bürgerliches Verhältnis. Mit Familienanschluss und einem Kuss vor der Haustür. Sie trug wunderschöne Petticoats. Die waren damals große Mode.

Wir haben uns verlobt, damit war für mich im Moment die Seefahrtt beendet.

Helena Oldendorf

 

Ich besorgte mir eine Aufenthaltsgenehmigung, für die Niederlande. In einer Kunstdünger Fabrik bekam ich einen Job als Hafenarbeiter. Tag aus Tag ein Schiffe mit schweren Säcken beladen.

Aber was macht man nicht alles wenn man verliebt ist. Wir haben dann auch schnell geheiratet.

Trotz der schweren Arbeit war es eine wunderschöne Zeit. Leider wurde unsere Ehe immer schlechter, wenn zwei streiten haben auch zwei die Schuld.

Ich habe mir dann ein neues Schiff gesucht die "Helena Oldendorf". Es war ein 20.000 BRT. großer Bulkcarrier im Liniendienst mit Erz zwischen "Kirkenäs" Norwegen und Rotterdam. Obwohl ich regelmäßig zu Hause war, ging unsere Ehe in die Brüche.

Ich wurde in Abwesenheit geschieden. Cokky wollte einen anderen Mann heiraten. fast 35 Jahre lang habe ich von ihr und den Kindern nichts gehört.Meine Nachforschungen blieben ohne Erfolg. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich von der Sache gelöst hatte.

 

Ich habe mir dann ein kleines Zimmer im Emdener Stadtteil Transvaal gemietet und bin von dort aus wieder zur See gefahren. Es war im Jahr 1971. Wir lagen mit der "Helena Oldendorff" in Emden und haben Kupfer Erz aus "Tubarao" Brasilien gelöscht. Ich besuchte die Gaststätte "Nesserland" die vielen alten Seeleuten noch ein Begriff ist.

 Während einer feucht fröhlichen Feier, lernte ich einige skandinavische Seeleute kennen, darunter auch eine finnische Stewardess der "Svealand" einem Bulker der Reederei AB Broström mit Heimathafen Göteborg. Wir verbrachten den Rest der Nacht bei ihr an Bord der Svealand. Am nächsten Morgen meldete ich mich beim Chief Mate (1 Offizier) und fragte ob noch ein Matrose gebraucht wurde. Innerhalb von 10 Minuten wurde ich eingestellt. Voraussetzung war die sofortige  Mitgliedschaft in der schwedischen Seeleute Gewerkschaft.Ich brauchte nur noch meine Papiere und Gepäck von der hinter uns liegenden Helena Oldendorf auf die Svealand tragen. Die Kündigungszeit betrug damals vor und in einem deutschen Hafen lediglich 48 Stunden.

Meine Heuer in Schweden Kronen, war nach dem Umrechnen in DM. fast doppelt so hoch wie die Heuer auf deutschen Schiffen. Was will der Mensch mehr: eine gute Heuer und eine Freundin, die auf dem selben Schiff als Stewardess fährt.
Wir waren eine internationale Besatzung, darunter auch vier Frauen. Frauen auf deutschen Schiffen war zu der Zeit noch ein Unding. Es hieß immer: Wer nicht über die Reling pinkeln kann, gehört nicht auf ein deutsches Schiff. Die Skandinavier sahen das damals schon viel lockerer. Die ganze Atmosphäre auf ihren Schiffen war besser.
Nicht die strenge Hierarchie, wie sie bei der deutschen Seefahrt viel ausgeprägter war.
Natürlich gab es die Hierarchie auch auf skandinavischen Schiffen. Sie äußerte  sich zum Beispiel darin, dass Kapitän, Erster Offizier und Chief Maschinist ihre Mahlzeiten in der Kapitänsmesse einnahmen. Die anderen Offiziere und Ingenieure aßen in der Offiziersmesse ein Deck tiefer.
Ganz unten auf dem Hauptdeck stand uns die Manschafsmesse zur Verfügung. Die Unteroffiziere, sprich Bootsmann, Zimmermann, Storekeeper und Elektriker waren wieder durch Tischreien von den übrigen Mannschaftsgraden getrennt.

 

"Annika" meine finnische Stewardess hatte sich in ihrem Heimatort "Oulo"  Süd Finnland auf der Seefahrtschule für einen Lehrgang zur Funkerin angemeldet. Alleine auf der Svealand weiter fahren, war für mich nicht mehr interessant. Das Fahrtgebiet, nur immer Erzhäfen war ziemlich eintönig. So bin ich ich dann wieder in Bremen gelandet.

Svealand

 

 

 

 

 

 

 




 

 

 

 

 

 

 

 





















 

 

 

 

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